Natur pur?

Es gibt ja Aussagen, die in einer Diskussion den Punkt markieren, an dem sie vorbei ist. Die nennt man dann gerne „Totschlagargumente“. Das bekannteste und von vielen auch am meisten gehasste Totschlagargument ist wohl „Früher haben wir das auch immer so gemacht!“ in allen seinen schrecklichen Varianten.

Wie schön, dass die Menschheit fortschrittlich ist und sich immer wieder mal was neues ausdenkt. Das gute alte „War schon immer so“ hat meinem Gefühl nach starke Konkurrenz bekommen – vom neuen „Das ist doch nicht natürlich!“, gerne vorgetragen in einem mahnend-vorwurfsvollen Ton.

Sorry, aber das ist so richtig gar kein Argument. Im besten Fall killt es die Diskussion, im schlimmsten Fall ist es eine ernsthafte Gefahr für unsere Gesellschaft. Und in jedem Fall ist es hochgradig heuchlerisch.

Das interessante am „Nicht natürlich!“ ist, dass es im Gegensatz zu „Schon immer so!“ quasi universell von jedem einsetzbar ist, während man bei letzterem schnell unter konservativ bis reaktionär einsortiert wird. Dementsprechend vielfältig ist das Spektrum seiner Verwender – von Greenpeace im Kampf gegen unnatürliche Gentechnik bis zur katholischen Kirche im Kampf gegen die Gleichstellung homosexueller Paare, vom esoterischen Kritiker der „Schulmedizin“ bis zur sich (normalerweise) streng auf Fakten stützende Stiftung Warentest im Fall Ritter Sport. [1. Wobei man der Stiftung Warentest natürlich zu gute halten muss, dass sie hier selbst keine Wertung abgegeben hat, ob unnatürliche Aromen schlecht sind. Sie hat nur bezweifelt, dass das verwendete Piperonal der gesetzlichen Definition von „natürlich“ entspricht.]

Dabei beobachte ich persönlich zwei Dinge:

  1. Eine Definition, was eigentlich natürlich ist und was nicht findet praktisch nie statt.
  2. Es wird selten erklärt, warum unnatürlich eigentlich schlecht sein soll.

Das ist natürlich bei den meisten Totschlagargumenten so. Während kaum einer die Tatsache, dass es früher schon immer Sklaverei gab als Argument für deren Wiedereinführung ansieht, ist das plötzlich was ganz anderes, wenn es darum geht, ob man wie immer an die Ostsee fahren soll oder vielleicht doch mal nach Mallorca.

Aber beim Natur-Argument kommt noch dazu, dass es in höchstem Ausmaße verlogen ist. Allein die Existenz der menschlichen Kultur ist das unnatürlichste, was diesem Planeten je geschehen ist. Die Unnatürlichkeit ist nicht weniger als das, worüber wir Menschen uns definieren, was uns von den anderen Tierarten abhebt. Kein anderes Lebewesen hat es so perfektioniert, seine Umwelt nach dem eigenen Willen zu gestalten und seine Lebensweise eben nicht der Natur zu überlassen.

Warum ist es ein Problem, wenn wir Schokolade essen, deren Aroma in einer Fabrik aus Pflanzen extrahiert wurde, aber keines,  wenn wir uns zum Schutz vor wilden Tieren und dem Wetter in riesige Stein- und Betonstrukturen zurückziehen und während wir auf unserem iPad die neusten Nachrichten aus einem künstlichen, weltumspannenden Netz lesen und dabei Heißgetränke schlürfen, die in hunderten Kilometern Umkreis nie natürlich vorkamen?

Und warum ist es nicht „natürlich“, wenn zwei Männer gemeinsam ein Kind großziehen, obwohl dieses Verhalten im Tierreich nicht selten vorkommt, aber keiner proklamiert, wir sollten unsere Kinder nicht dazu ermutigen, einen linkshändigen „Lebensstil“ zu führen, nur weil eine kleine 10%-Minderheit das propagieren würde[2. Zumindest nicht mehr, gab es aber so ähnlich auch schon])?

Natürlich wäre es wohl eher, wenn wir in Höhlen leben würden, mit Männer Stöcken auf die Jagd gehen und die Frauen Wurzeln sammeln würden.

Aus diesem Grund ist für mich die Verwendung dieses Ausdrucks ein klares Zeichen: hier ist die Diskussion vorbei, rationale Argumente haben hier keinen Wert.

Im Privaten ist das oft ärgerlich, aber wenn es im politischen Diskurs stattfindet, dann halte ich es, wie oben schon gesagt, für hochgradig gefährlich. Denn die Diskussionen, die dadurch abgewürgt werden, sind oft hoch wichtig. Gerade im Fall der Gentechnik, wo gefühlt jeder zweite Beitrag zur Diskussion ein mahnender Fingerzeig darauf ist, dass es wider die Natur ist was da passiert, geht es mitunter sogar um Menschenleben.

Das ist selbstverständlich kein Grund, einfach ohne nachzudenken genmanipulierte Pflanzen zu verbreiten. Die Gefahren die davon ausgehen sind nicht zu vernachlässigen, sei es der mögliche schädliche Einfluss auf die Umwelt, sei es die dadurch verstärkten Monopole von Konzernen wie Monsanto. Aber sie hat eben auch Chancen, und die Risiken sind womöglich in den Griff zu bekommen. Jeder, der pauschal urteilt „Das ist gegen die Natur, das ist schlecht“, der nimmt sich selbst die Möglichkeit und das Recht, unseren Weg in die Zukunft mitzubestimmen. Und er nimmt denen, die sich zwischen Schwarz und Weiß bewegen wollen die Möglichkeit und das Recht, mit rationalen Argumenten zu streiten und einen Weg zu finden, wie wir unsere Welt nachhaltig verbessern können.

Wenn alle auf ihrem Standpunkt stehen bleiben, werden am Ende alle verlieren. Und Scheinargumente wie dieses und viele andere führen zu nichts, außer dass sie auf der Gegenseite auf Dauer das selbe Maß an Verbohrtheit hervorrufen.

Der homo sapiens wurde zur dominierenden Spezies, indem er aus dem Kreis der Evolution ausbrach und statt sich dem evolutionären Druck der Natur zu beugen diese nach seiner Vorstellung verändert hat. Das hatte und hat viele Nebenwirkungen, der Klimawandel lässt grüßen. Aber es hat uns auch erst in die Lage versetzt in der wir heute sind – ohne die sukzessive Genmanipulation, die unsere Vorfahren bei der Kultivierung von Pflanzen unwissentlich anwandten, wären wir nie in die Situation gekommen, das selbe jetzt wesentlich schneller zu tun, ohne auf den Zufall vertrauen zu müssen.

Wir sollten diese Möglichkeit nutzen, zu tun was unserer Natur entspricht und uns gegen die Natur wenden, nur jetzt im vollen Bewusstsein darüber, dass unser Handeln Folgen hat. Darüber das der Mensch „Gott spielt“ lässt sich nicht streiten. Darüber Wie? und Warum? schon.

 

Update 17.01.2014: Via Facebook wurde ich auf einen guten Artikel hingewiesen, der ein ähnliches Phänomen bzw. in gewisser Weise eine Verallgemeinerung des hier betrachteten untersucht: The Worst Argument In The World

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