Mein Beitrag zur Regenbogen-Debatte

Der folgende Beitrag war eigentlich als Antwort auf einen Facebook-Kommentar gedacht. Aber ich konnte es einfach nicht bei einigen wenigen Zeilen belassen, und da er sich wie ich finde auch allgemein ganz gut in die Debatte einfügt, ist er jetzt hier im Blog gelandet.

Zum Kontext: Nachdem sich Thomas Hitzlsperger vor zwei Tagen öffentlich als schwul geoutet hat, gibt es einen Zeitungsartikel nach dem anderen, über Hitzlsperger, Fußball und Homosexualität und auch Homosexualität allgemein.

Wärend ich mich der Meinung anschließe, dass dieses Coming Out eigentlich nicht mehr als ein paar kleine Meldungen wert sein sollte, freut mich die imense Resonanz trotzdem, denn sie hat auch die Aufmerksamkeit auf andere, meiner Ansicht nach wichtigere, Dinge gelenkt. Zum Beispiel den Entwurf der Baden-Würtembergischen Landesregierung zu einem neuen Bildungsplan, bzw. der dagegen gerichteten Petition „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, die schon einige Wochen existiert, aber bisher maximal ein Nischendasein unter den News bildete. Bis Hitzlsperger kam. Plötzlich stieg auch die Aufmerksamkeit an der Petition deutlich, die zuvor stagnierende Unterschriftenzahl stieg rasant, Medien berichteten verstärkt, sogar die Kirchen meldeten sich zur Debatte. Und plötzlich gab es auch eine Gegenpetion, die ebenfalls rasant Stimmen sammelte.

Als politischer Mensch, der sich noch dazu dieses Thema als sehr wichtig empfindet, hab ich natürlich auch diverse Kommentare dazu abgegeben, auf meiner eigenen Facebook-Seite wie auch unter den Posts anderer.

Dabei, aber auch an vielen anderen Stellen der Debatte, wurde auch folgende Ansicht geäußert:  „Warum muss man das unbedingt zum Thema Nummer eins erheben? Das nervt langsam. Einfach kurz im Bio-/Sexualkundeunterricht erwähnen, dass es das gibt, das es nix tragisches ist, fertig.“ (Kein wörtliches Zitat, aber hoffentlich nicht sinnentstellend verändert).

Meine Antwort darauf:

Weil es eben nicht einfach „nur“ um sexuelles/Biologie geht. Wäre schön, wenn es so wäre. Aber, und da möchte ich dem Ersteller der ursprünglichen Petiton ausnahmsweise mal Recht geben, Nicht-Hetero-Menschen haben nach wie vor noch eine deutlich erhöhte Suizidrate und andere psychische Probleme. Und das hat eben nichts mit einem „Lebensstil“ zu tun (wie in der Petition dann propagiert wird), sondern mit einer Gesellschaft, die ihnen jeden Tag vorlebt, dass sie eben nicht als normal angesehen werden.
Hier geht es nicht um die Vermitlung des Wissens, wer mit wem unter der Decke was macht. Sondern darum, das man jungen Menschen beibringt, sich hineinzuversetzen in jemanden, der mitten in der Pubertät merkt, dass er nicht ausschließlich auf das andere Geschlecht steht. Nachdenken darüber, was jemand fühlt, der auf dem Schulhof ständig hört, etwas sei „schwul“ oder jemand sei eine „Kampflesbe“.  Dessen Mutter sagt „Ich hab ja nix gegen Schwule, solange ich sie mir nicht ihre Sexualität unter die Nase reiben“. Sich klar machen, wie es ist für jemanden, dessen Pfarrer predigt, dass Gott zwar alle Menschen liebt, aber nur Mann und Frau ein Kind erziehen können. Der in Talkshows sieht, wie Politiker, Kleriker und ander Promis seine Empfindungen, die er sich nicht ausgesucht hat, als „Lebensstil“ abtun, als nicht gleichwertig zum Optimalbild „Familie“, das selbstverständlich nur Mann + Frau beinhalte.
Denn nur wer sich mit dieser Situation beschäftigt und in diese Person hineinversetzt, kann verstehen warum ein Outing eben doch für viele etwas großes, wichtiges ist, obwohl es keinen stören sollte. Dass es nicht nur (und ich behaupte: am wenigsten) die „große“, offensichtliche Homophobie ist, die für diesen Menschen ein Problem ist. Wenn irgendwo jemand verprügelt wird, weil sie lesbisch ist, dann ist das schlimm, aber für den besagten Jugendlichen a priori wenig relevant, denn es passiert weit weg von ihm.
Die oben Beschriebenen Situationen sind es meiner Meinung nach, die verunsichern. Denn damit wird jemandem, der sich seiner selbst noch nicht sicher ist gesagt: wenn du sein willst wie du bist, mach das, aber nicht hier. Nicht auf diesem Schulhof, nicht in dieser Familie, nicht in diesem Land. Wenn du hier bleiben willst, musst du ändern, was du nicht ändern kannst.
Sie sind es, die eine nicht unwesentliche Zahl von Menschen, vor allem Jugendliche, die sich in ihrer Persönlichkeit noch entwickeln, verunsichern, verängstigen und psychisch schädigen.
Rassismus wurde nicht abgeschafft, in dem man jedem Menschen einmal vorgelesen hat „Schwarze und Weiße sind gleich“. Frauen wurden nicht gleichberechtigt, in dem man einen schönen Satz in die Verfassung geschrieben hat. Wenn es so wäre, gäbe es keinen Rassismus mehr und Frauen hätten immer die selben Chancen wie Männer. Aber die Fortschritte die gemacht wurden kamen, weil Betroffene und Unterstützer dafür gekämpft haben.
Wenn wir die Geschichte der Sklaverei erzählen, vom Völkermord des Dritten Reiches an Juden und vielen anderen berichten und den Weg Nelson Mandelas nachverfolgen, senden wir eine Nachricht aus, nämlich: „Egal welche Hautfarbe, alle Menschen haben die gleichen Rechte“.
Und nur, wenn wir lernen und lehren nachzuvollziehen, was es bedeutet in unserer Gesellschaft schwul, lesbisch, bi-, trans-, inter- oder asexuell zu sein, können wir eine Gesellschaft erreichen, in der ein Outing tatsächlich unnötig ist.
Und genauso, wie niemand nach der Unterichtseinheit über die Apartheid beschlossen hat, schwarz zu werden, wird auch keinem der 90% Heteros einfallen, dass sie jetzt lieber homosexuell sind und HIV bekommen wollen, wie es so oft der Grundtenor in solchen Diskussionen und auch der Petition ist. Aber sie werden befähigt, sich in die anderen 10% ihrer Schulkameraden hineinzuversetzen. Und hoffentlich dann von selbst ein Klima herbeiführen, in dem sich wirklich keiner mehr Gedanken machen muss, ob und wie er sich denn jetzt bei wem outen soll. Sondern eine Atmosphäre, in der ein Mädchen einfach in einem Nebensatz erwähnen kann, dass sie jetzt mit Lea aus der 11. zusammen ist.

 

PS (Falls es hoffentlich überhaupt jemand bis hier unten schafft ;-)): Ich hege die Hoffnung, dass die Pro-Bildungsplan-Petition die ursprüngliche „Anti-Regenbogen-Ideologie-Petition“ deutlich an Stimmen übertrifft. Wer wie ich ein Zeichen setzen will, kann das hier tun: https://www.openpetition.de/petition/online/gegenpetition-zu-kein-bildungsplan-2015-unter-der-ideologie-des-regenbogens

2 Gedanken zu „Mein Beitrag zur Regenbogen-Debatte

  1. Interessanter Beitrag, lässt einem die Sache in einem „anderen“ Licht erscheinen – könnt aber auch dran liegen das das der erste Beitrag zu diesem Thema ist den ich ernsthaft gelesen habe. An sich hast du auch Recht das eine Erläuterung in der Schule sicherlich richtig und wichtig ist.

    Zu diesem Thema habe ich heute im Deutschlandfunk einen Beitrag gehört – man müsste den Menschen dann diese Thematik erklären wenn sie ohne Vorurteile an die Sache rangehen könnten. Bsp. bereits im Kindergarten könnte erklärt werden das es „normal“ ist zwei Mamas zu haben – für jemanden der das „normale“ nicht kennt, wird das normal was ihm als normal vorgegeben wird… Wenn man erst im Biologie Unterricht damit beginnt sind viele junge Menschen bereits durch die Freunde/Eltern/Medien „gebrannt“ und es ist schwer dort eine neue Meinung zu verteilen…

    Soweit so gut…
    *meine Meinung* Problematisch bleibt aber weiterhin das Homosexualität ja nichts „normales“ ist, wäre es das, wäre es auch entsprechend in der Gesellschaft toleriert, so wie die Beziehung zwischen Mann und Frau. In der Natur ist eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft aus einem relativ simplen Grund nicht vorgesehen: (theoretisch) keine Möglichkeit der Vermehrung… das klingt auf den ersten Blick extrem Homophob – ist es aber nicht. Jedem steht zu und sollte zugestanden werden seinen Vorlieben nachzugehen, möchte ich rosa Haare tragen, bitte! Möchte ich mir alle Zähne ziehen und mir ’n Auge ausstechen, bitte! Solang es niemanden stört, belätigt oder behindert kann jeder tun und lassen was er möchte… das man dabei dann aber auch ggf. schief angeguckt wird *ist* halt einfach so und wird auch mit mit schnöden Aktiveismus nicht geändert. Ändern kann das nur die Zeit…
    */meine Meinung*

    Übrigens: http://www.liveleak.com/browse?q=execution – schau dir mal an wie in anderen (nicht sehr weit entfernten) Ländern mit Homosexuellen umgegangen wird… meinst du nicht das *unsere* Gesellschaft schon einen extremem Vorsprung hat indem wir (immerhin) darüber diskutieren wie wir damit umgehen können anstatt die Homosexuellen einfach an einen Strick zu hängen?

    1. „In der Natur ist eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft aus einem relativ simplen Grund nicht vorgesehen: (theoretisch) keine Möglichkeit der Vermehrung“

      Das stimmt so nicht, eher das umgekehrte ist wahr: Bei sehr vielen Tierarten wird Homosexualität in unterschiedlichen Ausprägungsgraden beoachtet. Homo sapiens sind eher die Ausnahme in ihrer Ablehnung selbiger 🙂 Beispiel das mir ganz spontan eingefallen ist: Pinguine (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldt-Pinguin#Sonstiges), die sind was Homo-Ehe angeht sehr viel weiter als viele Menschen 😛

      Und Zeit allein wird nichts ändern, wenn nicht ein ständiger Druck zur Änderung besteht. Menschen sind träge, ganze Gesellschaften sind noch viel träger. Nicht umsonst wurden so ziemlich alles, was wir in unserer Zeit als grundlegende Stützen unserer Gesellschaft (Demokratie, Menschenrechte, whatever) wurden erkämpft, teilweise mit „schnödem Aktivismus“, teilweise unter Blutzoll.

      Und die Situation in anderen Ländern kenne ich, vor allem die aktuellen Entwicklungen in Afrika, wo es teilweise (wieder) verschärft wird und natürlich – der Sport lässt mal wieder grüßen – in Russland und Katar.

      Und natürlich sind wir hier auf vergleichsweise hohem Niveau, was das angeht. Das tun wir aber überall in unserer Politik, die meisten Menschen würden sich über unsere Probleme freuen. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns damit beschäftigen sollen. Ansonsten könnte man ja auch sagen „Hey, es gibt in so vielen Staaten Bürgerkrieg, da brauchen wir uns ja um das bisschen Terrorgefahr bei uns nicht kümmen.“ oder „Die Mehrheit der Menschen hat überhaupt kein Internet, da ist Filesharing jetzt echt ein Luxusproblem.“ Trotzdem gibt es Leute, die vehement Vorratsdatenspeicherung und Netzsperren für Filesharer vertreten.

      Die Frage, wie sich unsere Gesellschaft zu Queers positioniert ist dabei viel weniger abstrakt. Sie betrifft – je nach Schätzung – irgendwo zwischen 2% und 10% der Bevölkerung _direkt_. Ich behaupte, das kein potentieller Terroranschlag so viele Menschen betroffen hätte, selbst wenn man Angehörige und Freunde dazuzählen würde.

      Das in anderen Staaten die Situation für Nicht-Konforme aller Arten, egal ob jetzt wegen der Sexualität, der politischen Einstellung oder der Religion, wesentlich härter bis tödlich ist, das bestreitet denke ich niemand.

      Trotzdem müssen wir uns um die Spannungen in unserer Gesellschaft kümmern, unabhängig vom Thema.

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