Archiv für den Monat: Januar 2019

Linksammlung: Stickoxide und CO2-Label

„Nicht verzagen, Scheuer fragen“ (taz)

Andreas Scheuer nennt die Stickoxid-Grenzwerte „politisch festgelegt“ und setzt das mit „willkürlich“ gleich. Damit diskreditiert er nicht nur seinen eigenen Berufsstand. Er verkennt dabei auch, dass der „unpolitische“ Wert bei 0,0 Mikrogramm pro Kubikmeter läge – denn nur damit wären negative Auswirkungen insbesondere auf kranke Menschen ausgeschlossen. Dass er nicht dort liegt ist gerade darin begründet, dass der Wert politisch im Rahmen eines Interessensausgleichs festgelegt wurde, bei dem nicht nur die medizinischen, sondern auch die ökonomischen Folgen berücksichtigt wurden.

„Im Zweifel gegen die Anwohner“ (ZEIT Online)

Die Steilvorlage der 112 Lungenärzte (die vermutlich nicht mal alle welche sind) nutzt Andreas Scheuer gerne – und ignoriert dabei genauso gerne, dass es einige sehr gewichtige Kritikpunkte an dem Vorstoß gibt.

„Das Klimalabel kommt“ (Technology Review)

Dänemarkt plant, künftig die CO2-Bilanz von Lebensmittel transparent zu machen. Das wäre ein sehr hilfreicher Baustein, um Verbrauchern überhaupt einmal die Möglichkeit zu geben, informierte, bewusste Entscheidungen zum Klimaschutz zu treffen.

Der Anschein von Wissenschaftlichkeit

Nachdem sich in den letzten Tagen wohl viele derer, die seit Beginn der Diesel-Debatte die Sinnhaftigkeit der gültigen Stickoxid-Grenzwerte in Frage gestellt haben, sich durch die Aktion der über 100 Pneumolog*innen mit Professor Dieter Köhler an der Spitze bestätigt gefühlt haben, bestätigt wiederum dieser Artikel bei ZEIT Online mit seinen Recherchen mein Bauchgefühl: Dass hier (wieder einmal) Wissenschaftler*innen ihren Titel und ihr Renommee dazu verwenden, persönlichen Ansichten einen neutralen Anstrich zu geben. Was mich nicht verwundert, denn eine „Petition“ dieser Art ist ja nicht der übliche Weg in der Wissenschaft eine Sachdiskussion zu führen, zumal wenn es um weltweit anerkannte Einschätzungen geht (wie in diesem konkreten Fall z.B. von der WHO zusammengetragen)

Worauf beruht diese Einschätzung? Weder war Herr Köhler bisher auf dem Fachgebiet wissenschaftlich tätig, dessen Erkenntnisse er nun ablehnt, noch hat er anscheinend bisher neben Talkshows und Petitionen Versuche angestellt, die Wissenschafts-Gemeinschaft mittels der anerkannten Wege, nämlich Veröffentlichungen in Journals mit Peer-Review, von seinen Einschätzungen zu überzeugen. Weiterhin stellt er Vergleiche an, die recht offensichtlich hinken („Raucher fallen ja auch nicht ständig tot um“) oder bringt Argumente gegen Dinge, die so nie jemand behauptet hat (definitive Aussagen zur Kausalität zum Beispiel).

Ich finde diese Entwicklungen gefährlich, denn gerade als Wissenschaftler sollte ihm eigentlich daran gelegen sein, das sowieso schon schwindende Vertrauen vieler in die Wissenschaft nicht noch weiter zu schwächen. Genau das befürchte ich aber, wird dabei herauskommen, wenn Wissenschaftler*innen in der Öffentlichkeit Meinungsbeiträge mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit versehen. Für einen Laien kann dies nur so wirken, als wären wissenschaftliche Erkenntnisse ja sowieso immer in allen Facetten diskutabel, wenn nicht sogar willkürlich. Diese Einstellung in Zeiten von „Fake News“ als beliebtem Totschlag-Argument gegen unliebsame Ergebnisse auch noch durch solche zweifelhaften Aktionen zu befeuern, halte ich für töricht.

CO2-Steuer: Klimaschutz-Anreize, sozial verträglich

Dieser Artikel bei ZEIT Online zu einer CO2-Steuer bestärkt mich in meiner Einstellung, dass für ein Erreichen der Klimaziele nicht nur Förderungen, Selbstverpflichtungen und schöne Reden notwendig sind, sondern dass „Der Markt“ hier ganz klare finanzielle Anreize braucht, Energie möglichst CO2-neutral zu produzieren – und dass eine solche Steuer nicht, wie von vielen wirtschaftstreuen Klimawandel-Relativierern behaupten „den kleinen Mann“ unverhältnismäßig hart trifft.

Was passiert, wenn Demokraten wegschauen

Die ZEIT war noch einmal bei Markus Nierth, früher Bürgermeister in Tröglitz (Sachsen-Anhalt), der sich für die Aufnahme von Flüchtlingen eingesetzt hat und damit den Zorn Rechtsextremer auf sich gezogen hat. Der Fall zeigt finde ich eindrucksvoll, dass beim Umgang mit AfD und Co. die Verfechter*innen einer weltoffenen, demokratischen Gesellschaft fest zusammenstehen müssen.

Sich wegducken, wenn andere bedroht werden, oder gar versuchen „die Sorgen der Menschen zu verstehen“ – also zu versuchen, ein paar Wähler von der AfD zurück zu bekommen, indem man deren Sprache, deren Politik kopiert – führt dazu, dass sich die Meute auf die wenigen stürzt, die offensiv für die Werte unseres Grundgesetzes einsetzen und diese gnadenlos fertig macht.

Wer extremistische Parolen skandiert, Verschwörungstheorien verbreitet, Politiker „jagen“ will, Menschen auf Grund ihrer Herkunft verachtet, oder wer sich diesen Menschen auf Demos und auf Stammtischen anschließt, der hat den Boden eines demokratischen Diskurses verlassen. So lange er*sie nicht darauf zurückkehrt, ist mit ihm*ihr keine Politik zu machen. Niemals.

Meine Angst ist, dass dieses Beispiel Schule macht. Und irgendwann werden diejenigen, die heute die Augen verschließen, weil es ja „nur besorgte Bürger sind” auf die man zugehen müsse, oder „es von links auch ganz schlimme Extremisten gibt!!!!“, die lieber immer neu definieren, was zu unserer „Leitkultur“ gehört und was nicht, statt für deren verbrieften Kern einzutreten, irgendwann werden sie merken, dass diese ganzen linksgrünen Gutmenschen doch recht hatten. Ich hoffe sehr, dass es dann noch nicht zu spät ist.

Reich ist, wer reich war – über 600 Jahre hinweg

The richest families in Florence in 1427 are still the richest families in Florence

Ein schönes Fundstück (via blog.fefe.de) zu Forschern, die sich einmal die reisten Familien Florenz‘ angeschaut haben, einmal im 15. Jahrhundert und einmal 2011 – und dabei große Übereinstimmungen gefunden haben. Ähnliche Ergebnisse gab es auch schon aus China und England.

Das Szenario mag spezifisch sein, und die Methode nicht geeignet, um tatsächliche Einzelschicksale aufzulösen. Aber sie zeigt den Extremfall dessen, was auch heute noch gilt: Reichtum hat nicht etwa in erster Linie etwas mit Fähigkeiten, Fleiß und einem bisschen Glück zu tun. Sondern ist nach wie vor beeinflusst dadurch, wie reich die Eltern sind.

Echte Chancengleichheit kann es also nur geben, wenn Reichtum nicht innerhalb eng umschlossener Kreise gehütet und weitergegeben wird, sondern dem Nutzen aller zur Verfügung gestellt wird. Andernfalls wird es weiter vom Zufall abhängen, ob Menschen mit weniger Glück in der Geburtslotterie ihre Startnachteile ausgleichen können.

Wer also denkt, dass persönlicher Wohlstand sich alleine aus Engagement und Fertigkeiten einer Person ergeben darf, der muss meiner Meinung nach für eine weitest mögliche Umverteilung sein – von den Familienkassen in die Gemeinschaft.